Doris Schäfer macht Entscheiden leichter
Entscheidungen klingen oft nach Klarheit. Nach Strategie, Vernunft und sauberer Abwägung. In der Realität sehen sie meist anders aus: unvollständige Informationen, unterschiedliche Interessen, alte Muster, Gruppendynamik und die leise Hoffnung, dass sich schon irgendwie die richtige Lösung zeigen wird.
Doris Schäfer und Annika Serfass nehmen genau diesen Druck aus dem Thema. Ihr Buch „Weniger schlecht entscheiden“ macht Mut, Entscheidungen nicht perfekt machen zu wollen, sondern bewusster, reflektierter und beweglicher. Im Interview geht es darum, warum Selbstironie beim Entscheiden hilft, wie Teams ihre eingefahrenen Muster erkennen und weshalb echte Veränderung immer mit Selbstreflexion beginnt.
Interview mit Doris Schäfer und Annika Serfass
„Weniger schlecht entscheiden“ ist ein ungewöhnlicher Titel – wie kam es dazu?
Den Titel hatte meine Co-Herausgeberin Annika schon lange vor Veröffentlichung unseres Buches im Kopf. Und es musste genau dieser sein! Als systemische BeraterInnen beobachten wir ständig, wie sehr in Organisationen mit Entscheidungen gekämpft wird.
Eigentlich lässt sich ja fast alles, was sich im Business und damit in Organisationen abspielt, auf Entscheidungen zurückführen. Aber kann man in einem komplexen Umfeld mit unvollständigen Informationen, unterschiedlichen Meinungen, vielfältigen Annahmen und latenter Unsicherheit überhaupt „gut“ entscheiden?
Wir wollten mit einer gewissen Leichtigkeit zeigen: Man kommt richtig gut ins Tun, wenn man einfach anfängt, „weniger schlecht“ zu entscheiden.
Eigentlich ist der Titel natürlich komplett unsinnig. Ob eine Entscheidung „gut“ oder „schlecht“ war, wissen wir meist erst Monate oder Jahre später. Es hängt selten von der Entscheidung selbst ab, sondern davon, ob sie in den Kontext passte und ob das Gewollte überhaupt eintritt. Den Titel so zu wählen, ist also auch ein wenig unsere Art von Humor. Ein gewisses Maß an Selbstironie braucht man beim Entscheiden!
Können Menschen wirklich aus ihrer eigenen „Entscheidungshaut““ heraus?
Na klar! Wir gewinnen genau dann Handlungsfreiheit, wenn wir reflektieren. Durch den Blick von außen erkennen wir: „Ach schau an, es ginge ja höchstwahrscheinlich auch ganz anders.“
Oder: „Es gibt ja viel mehr Optionen als ich dachte.“ Erst dann können wir bewusst wählen – also entscheiden: Mache ich es wie immer? Probiere ich was Neues? Wie weit traue ich mich aus meiner Komfortzone heraus?
Oft läuft unser Autopilot ja völlig unbemerkt: Da hilft es, wenn jemand mit einem Modell um die Ecke kommt und sagt: „Ordne dich hier mal ein.“ Und … wie durch ein Wunder … tauchen plötzlich weitere Optionen auf, an die vorher niemand gedacht hat.
Humor und die Fähigkeit, sich selbst nicht immer zu ernst zu nehmen, machen die eigenen Fehler erträglicher. Sie nehmen uns die Verbissenheit und schenken uns den Mut, liebgewonnene, eingeschliffene, erprobte Muster einfach auch mal zu verlassen.
Sie beschreiben 42 Methoden zur Entscheidungsfindung – was erwartet die Leser:innen konkret?
Wir servieren einen bunten Strauß aus 42 Tools und Methoden – von klassisch bei neu, von simpel bis anspruchsvoll, von analytisch bis intuitiv. Hauptsache wirksam! Das Buch ist kein theoretischer Wälzer, den man von vorne bis hinten durcharbeiten muss. Es lädt ein zum Schmökern, Querlesen und direkt zum Ausprobieren.
Wir starten mit den 5 Grundmustern des Entscheidens:
- Gruppendynamik: „Was ist das Beste für alle?“ Fokus: Beteiligung & Konsent
- Psychologie & Intuition: „Was sagt mein Buchgefühl?“ Fokus: Erfahrung & Vertrauen
- Betriebswirtschaft: „Was bringt uns am meisten?“ Fokus: Effizient & Ressourcen
- Systemtheorie: „Welche Perspektiven können wir einbeziehen?“ Fokus: Kontext & blinde Flecken
- Philosophie & Werte: „Wofür stehen wir?“ Fokus: Ethik & Sinn
Zu jedem dieser Grundmuster gibt es 7 bis 9 Methoden mit Schritt-für-Schritt-Anleitungen, echten Fallbeispielen und einem ehrlichen Warnhinweis: „Achtung! Was man sich einhandeln könnte.“ Denn jede Methode hat Grenzen und Stolperfallen. Nothing is perfect!
Doris Schäfer bricht alte Entscheidungsmuster
Wie entscheidet man eigentlich, welches Entscheidungstool gerade das richtige ist?
Wenn man merkt, dass das gewohnte Muster immer seltener zum Erfolg führt, ist genau der richtige Zeitpunkt für etwas Neues! Was passiert zum Beispiel in der harmoniebedürftigen NGO, die sehr viel Wert darauflegt, dass wirklich jeder zu Wort kommt, wenn die Vorgabe lautet:
Wir müssen einsparen, kriegen nicht mehr genug Fördergelder.
Wir müssen radikal unsere Ressourcen optimieren. Oder in einem Familienunternehmen, wenn die Chefin und Eigentümerin nicht mehr einsam aus dem Bauch heraus entscheidet, sondern ein kollegiales Entscheidungstool mit den Führungskräften nutzt?
Hilft es einem schnell wachsenden Start up sich nicht ausschließlich von Kundenanfragen treiben zu lassen sondern bewusst innezuhalten und zu fragen: Ist das für uns wirklich der richtige Weg?
Damit man in solchen Momenten nicht lange suchen und überlegen muss, haben wir drei praktische „Spickzettel“ ins Buch gepackt:
- Der Entscheidungs-Kompass: Eine visuelle Grafik mit den 5 theoretischen Perspektiven, deren Leitfragen und den jeweils passenden Methoden.
- Die Schnell-Auswahl-Tabelle: Hier filtert man ganz pragmatisch nach formellen Kriterien: Entscheide ich alleine oder im Team? Geht es um ein Ja/Nein, eine Priorisierung oder das Entwickeln neuer Optionen? Wie viel Zeit und Material brauche ich?
- Der Muster-Brecher: Eine Liste typischer, „schlechter“ Entscheidungsmuster inklusive dem passenden Werkzeug, um gar nicht erst wieder in die Falle zu tappen.
Welchen Tipp geben Sie Unternehmer:innen für bessere Entscheidungen und wie kann man mit Ihnen in Kontakt treten?
Zuerst mal tief durchatmen und entspannen: Wir Menschen treffen durchschnittlich rund 30.000 Entscheidungen, die allermeisten davon völlig unbewusst. Wie Maja Storch so schön sagt: „Fehlerfreundlichkeit ist eine Kompetenz, die für ein geglücktes Leben genauso wichtig ist wie die Kompetenz, gute Entscheidungen zu fällen.“
Wer viel entscheidet, macht Fehler. Das ist völlig okay, solange man daraus lernt und es beim nächsten Mal anders macht. Diese Lernfähigkeit ist für Organisationen und Teams enorm wichtig.
Natürlich gibt es auch existentielle Weichenstellungen – wie etwa schmerzhafte Einsparungen oder große strategische Umbauen -, die nicht leichtfertig entschieden werden können (also z.B. intuitiv).
Der allererste Schritt zu echter Veränderung ist die Selbstreflexion. Denn wie wollen Sie ein Muster verändern, das Ihnen gar nicht bewusst ist? Es gilt, die eigenen Gewohnheiten überhaupt erst mal zu bemerken und sie dann im Team mutig zur Sprache zu bringen.
Erst durch dieses Bewusstmachen entsteht der Raum zu sagen: „Hey, wir stecken in einer Schleife – lasst uns dieses Mal ganz bewusst anders entscheiden.“
Gehen Sie deshalb ab und zu mit wachem Auge durch Ihr Unternehmen und fragen Sie sich: „Wie läuft das hier eigentlich bei uns mit dem Entscheiden? “ „Und sie sieht es mit der Einbeziehung der Mitarbeitenden aus?“ Unser Credo lautet hier ganz klar: Commitment durch Involvement. Wer mitgestalten darf, trägt die Entscheidung auch mit.
Unser Buch ist bewusst so geschrieben, dass diese Musterbrüche mit ein bisschen Sensibilität sofort selbst angewendet bzw. moderiert werden können. Und falls es doch mal knifflig wird, die Emotionen hochkochen oder eine erfrischende Außenperspektive gut zu gebrauchen wäre: Wir sind nur einen Klick entfernt!
Wir freuen uns immer über Gelegenheiten zum gemeinsamen Sparring, Entscheidungscoaching, für Methodentrainings oder auf die Begleitung von Veränderungen von Teams und Organisationen.
Hier finden Sie uns direkt:
- Doris Schäfer: www.huds.at
- Annika Serfass: www.annikaserfass.de
- Das Buch: „Weniger schlecht entscheiden. Praktische Entscheidungstools für agile Zeiten“. Erschienen bei Vahlen
Über Doris Schäfer
Doris Schäfer ist Betriebswirtin, Personalistin, systemische Beraterin, Trainerin und Coach mit Lebensmittelpunkt in Wien. Ihre Leidenschaft für Beratung, Entwicklung und wirksame Zusammenarbeit hat sie dazu bewegt, das Buch „Weniger schlecht entscheiden“ mitzugestalten. Neben ihrer fachlichen Arbeit prägen auch ihre Liebe zu Asien, Architektur, Kunst und Mode ihren Blick auf Menschen, Organisationen und Veränderung.








